Was für ein Jahr.

Als die ganze Covid-19-Sache losging, schien mir völlig klar: Das wird das Jahr 2020 bestimmen. Im Dezember (also lange bevor das Jahr rum ist?) werden wieder Journalisten der alljährlichen Tradition, genannt „Jahresrückblick“, nachkommen, um uns daran zu erinnern, was in den vergangenen Monaten eigentlich so passiert ist. Das schien mir in diesem Jahr zugleich sehr simpel und doch so schwierig: wenn doch nur ein Thema die öffentliche Diskussion und das Leben so ziemlich aller Menschen auf der Welt – auf die ein oder andere Weise – betroffen hat: was soll dann so eine Zusammenfassung? Andererseits: Wie soll man sich in all dem Wirrwarr, das mit der Corona-Pandemie zusammenhängt, einen Überblick verschaffen? Angefangen bei der Entstehung des Virus in China unter noch unklaren Umständen, über die rasche Schließung von Grenzen innerhalb der grenzoffenen EU oder die Offenbarung gesellschaftlicher Missstände im so wohlhabenden Deutschland, ging es dann schnell über zu neuen Erkenntnissen über Arbeit, Gesundheit, Verantwortung. Jetzt stehen wir mitten in den Verhandlungen um Rettungspläne angesichts der kommenden Rezession und der Entwicklung eines Impfstoffes. Begleitet wird diese Zeit von Verschwörungsfantasien, die zwar leicht zu widerlegen, aber offenkundig doch sehr wirkungsvoll sind. Währenddessen steigen die Zahlen in einigen Ländern, allen voran den USA, Brasilien und Indien, immer noch an, und es ist nicht so richtig eine Verbesserung der Lage in Sicht. Wie sich die Situation in Afrika weiterentwickelt, das weiß auch keiner so recht. Und wer weiß, ob es noch weitere Wellen geben wird?

After German angst, now ′hamsterkauf′
In einigen Jahrzehnten werden sich die Kinder wundern, wenn sie von den ganzen Hamsterkäufe im Jahr 2020 hören.
Quelle: DW

Dabei stellte sich irgendwann, ich würde sagen im Mai, im öffentlichen Diskurs in Deutschland so etwas wie Gewöhnung ein. Corona ist jetzt halt da, tragen wir halt eine Maske, wir müssen da jetzt durch. Dieses Luftholen war allerdings von kurzer Lebensdauer, bevor Black Lives Matter auf den Plan traten. BLM ist keine neue Bewegung, aber hatte nie eine solche Größe und (internationale) Bedeutung erreicht wie nach dem gewaltsamen Tod des US-Amerikaners George Floyd am 25. Mai. Die Proteste erstreckten sich bis nach Europa und das Thema struktureller Rassismus bekam eine neue Aufmerksamkeit, auch in Deutschland. Die verantwortlichen Polizisten im Fall Floyd sind wegen Totschlags respektive Mord angeklagt und erste Städte und Bundesstaaten ziehen Konsequenzen hinsichtlich der Rolle und Struktur ihrer Polizeieinheiten.

Und wenn wir dann mal zurückdenken: im Januar provozierte Trump einen Krieg im und mit dem Iran, die verheerenden Brände in Australien gaben einen Vorgeschmack auf das Klima des restlichen Jahrhunderts, und die Entwicklungen in der Thüringer Landesregierung haben nochmal verdeutlicht, welche Katastrophe die AfD für Deutschland ist. Die Menge an bedrohlichen Entwicklungen im Jahr 2020 reicht von mir aus für die ganze Dekade.

Insbesondere die Corona-Krise ist dabei spannend. Plötzlich zeigt sich, dass „systemrelevante“ (Unwort des Jahres?) Berufe nicht so entlohnt werden, wie sie es sollten. Die Notwendigkeit von Home Schooling zeigt Schwachstellen in unserem Bildungssystem, und die vermehrt als Corona-Hotspots auftretenden Fleischfabriken stellen zur Schau, dass nicht nur Tiere, sondern auch Menschen unter dieser Industrie leiden (hier findet sich mein Blog-Eintrag zum Thema Veganismus). Die BILD lanciert eine völlig substanzlose Schmutzkampagne gegen den leitenden Virologen Prof. Drosten und zeigt damit, wie weit der Weg noch ist, bis Wissenschaft und Öffentlichkeit wirklich zusammenarbeiten können. Dazu kommen diese elendigen Verschwörungsmythen, die als Realsatire durchgehen würden, wenn man es nicht besser wüsste.

THAT BEING SAID: es ist nicht alles schlecht.

Die Corona-Krise hat durch das Aufzeigen all dieser Missstände unsere Prioritäten neu sortiert. Die Probleme in der Bezahlung unverzichtbarer Berufszweige und der Fleischindustrie sind jetzt sichtbarer als vorher. Wir können auf einer ganz anderen Basis über neue Formen der Arbeit (Stichwort Home Office und Zoom) sprechen und merken, wie schön Innenstädte sind, wenn viel weniger Autos herumfahren. Es ist zudem erstaunlich, wie stark sich die Politik grundsätzlich von der Wissenschaft hat leiten lassen – was ich für eine gute Entwicklung halte. Natürlich ist nicht alles perfekt gelaufen, und der Föderalismus hat auch seine Nachteile, weil jedes Land sein eigenes Süppchen kochen kann. Aber angesichts der nie zuvor dagewesen Pandemie, in der wir stecken, war das Krisenmanagement der Bundesregierung gut, und wir können froh sein, dass die Wissenschaft so teilhaben durfte, wie sie es tat. Diese Zusammenarbeit macht Hoffnung für die Zukunft der Klima- und Umweltpolitik, aber auch einfach grundsätzlich. Das hat ja schon Christian Lindner gesagt: Sowas ist eine Sache für Profis. Es ist weiterhin sehr spannend zu sehen, wie schnell ein neues Gesetz auf den Weg gebracht werden kann, das Fleisch teurer machen wird, wenn es um die menschliche Gesundheit geht. Wenn wir an den Punkt kommen, wo wir dann auch die anderen gesundheitlichen und ethischen Folgen von Massentierhaltung in Betracht ziehen, geht das ja vielleicht nochmal?

Solche Prozesse sind aber grundlegend nur möglich, wenn man eine Regierung – und ein Staatsoberhaupt – hat, die zumindest grundsätzlich in der Lage ist, rational abzuwägen und entsprechend zu handeln. Ich bin froh, dass unsere Bundeskanzlerin Naturwissenschaftlerin ist. Denn: was Corona auch gezeigt hat, ist, dass Populisten meistens keine guten Politiker sind. Von der AfD hört man seit März quasi nix mehr. Im Krisenmodus zeigt sich zudem erneut, dass Donald Trump für die Position des Präsidenten komplett ungeeignet ist. Dasselbe gilt für Jair Bolsonaro’s Brasilien, dem noch Einiges bevorsteht. Es ist furchtbar, dass die Welt – und insbesondere diejenigen, die diese Menschen nicht einmal wählen – das auf die harte Tour mit vielen Kranken und Toten und immer stärkeren Existenzängsten lernen müssen. Aber wenn Trump’s Versagen in der Krise ein Gutes hat, dann, dass es ihn vielleicht letztlich die Wiederwahl kostet. Ähnliches gilt für seinen Umgang mit der BLM-Bewegung, die – bis auf wenige Ausnahmen – friedlich für eine dringend notwendige Veränderung einstehen – und dafür als Terroristen bezeichnet und zugunsten eines Social-Media-Fotos mit Tränengas aus dem Weg geschossen werden.

Trump holds a Bible outside St John’s. Moments before, peaceful protesters had been forcefully cleared from the president’s path.
What would Jesus do? Quelle: The Guardian

Um den schon bestehenden und noch kommenden wirtschaftlichen Problemen in Deutschland beizukommen, nimmt die Bundesregierung ein neues Schuldenpaket in Höhe von 220 Mrd. € auf. Das ist ein historischer Rekord und wohl (wenn vielleicht auch nicht in dieser Höhe) unvermeidbar gewesen. Auch wenn Bundesfinanzminister Olaf Scholz verspricht, dass diese Schulden schnell ausgeglichen werden können, müssen wir das mal abwarten. Hoffen wir, dass diese Schulden keine dringend notwendigen Investitionen in die Zukunft – in Bildung, Gesundheit, Energie, Mobilität und Ernährung – verhindern, die eigentlich jetzt angestanden hätten. Dabei – und das stimmt vorsichtig optimistisch – ist in den letzten Monaten in dieser Hinsicht tatsächlich etwas passiert. Nicht nur ist der European Green Deal (siehe dazu mein Blog-Beitrag von April) unterwegs, die Bundesregierung hat sich bei der Erarbeitung eines Wirtschafts-Hilfspakets entgegen aller Erwartungen nicht zur Handpuppe der Automobilindustrie machen lassen und die befürchtete Abwrackprämie für Benziner mal die dumme Idee sein lassen, die sie war (wer sitzt nach der Corona-Krise da und denkt sich: Mensch, jetzt so ein Neuwagen.“?). Und während ich das hier schreibe, wird die Aufhebung der Deckelung von Photovoltaik-Einspeisungen vorangetrieben. Das sind zwar alles keine Gamechanger und meine Hoffnung, dass die „Pause“, die durch Corona entstanden ist, für einen umgreifenden Wandel genutzt wird, hat sich zugunsten akuten Krisenmanagements auch nicht erfüllt. Dennoch sind dies wichtige Schritte, die Hoffnung machen. Sie zeigen, dass die Klimabewegung im letzten Jahr nicht verpufft ist, sondern tatsächlich ein bisschen was bewirken konnte.

Angesichts all dessen hoffe ich ein bisschen, dass wir im Dezember dann nicht nur zurückblicken und sagen, wie schlimm alles war, sondern vielmehr, was wir lernen konnten. Mir ist völlig bewusst, dass keines der oben genannten Probleme in diesem Jahr gelöst wurde – oder einfach und bald gelöst werden kann. Das Jahr 2020 hat Vieles vermutlich noch verschlimmert. Es hat uns damit gezeigt, was uns noch für Arbeit bevorsteht. Es hat aber auch gezeigt, dass Mittel und Menschen bereitstehen, um diese Arbeit anzugehen. Die Vereinten Nationen hatten diese Dekade als Decade of Action betitelt – die Dekade des Handelns. Wohl einerseits, weil der Fortschritt beim Erreichen der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung noch nicht dem entspricht, was notwendig wäre. Aber auch, weil Momentum existiert. Vielleicht schaffen wir es, die positiven Erkenntnisse aus diesem und den letzten Jahren in etwas Langanhaltendes zu verwandeln. Dann sind vielleicht nicht nur die nächsten Jahresrückblicke schöner, sondern auch der Jahrhundertsrückblick. Nicht, dass ich den noch erleben würde.

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Ein Kommentar zu „Die Dekade des Handelns – Umbruch 2020?

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