… sollte zum Arzt gehen.“ (Helmut Schmidt, 1980)


Nachhaltigkeitswissenschaft versucht zu verstehen, wie die Welt ist; zu ergründen, wie sie sein sollte; und zu erarbeiten, wie wir dahin kommen. Dass Einiges auf unserer Welt im Argen liegt, wissen wir nicht erst seit diesem Jahr. Wir wissen, dass wir etwas verändern müssen, aber wo genau wir hin wollen, das wissen wir nicht. Wir sprechen über Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, über Umweltschutz und Demokratie, über Wohlstand und Glück, aber haben es noch nicht geschafft, das alles zusammenzubringen. Sogar die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 zeigen keinen Endpunkt auf, sondern geben uns nur den Weg vor. Es fehlt uns eine umfassende, ganzheitliche Vision für die Zukunft, für die es sich lohnen würde, zu kämpfen; und die uns einen Anhaltspunkt geben würde, um Strategien für die Transformation zu arbeiten.

In dieser Woche ist „Zukunft für Alle“ erschienen, ein Bericht vom Konzeptwerk Neue Ökonomie in Zusammenarbeit mit einer Reihe verschiedenster Stiftungen, Organisationen und Gruppierungen. Dieser Bericht schickt sich an, Abhilfe zu schaffen und Visionen zu liefern. Er skizziert, wie das Jahr 2048 in Deutschland und der Welt aussehen könnte, basierend auf gesammelten Ergebnissen von 12 Zukunftswerkstätten, in denen sich Vordenker aller Couleur zusammengefunden haben, um über die Zukunft nachzudenken.

Dabei stellt der Bericht keine Vorgaben oder Forderungen auf, was genau wir tun müssen, sondern fokussiert sich auf eine potentielle Realität in weniger als 30 Jahren. Das wirkt erst einmal sehr nah, was aber womöglich notwendig ist, damit die beschriebenen Veränderungen greifbar wirken. Eine Vision für das Jahr 2100 wäre sicherlich auch spannend, aber vielleicht einfach egal für heutige Leser. Also: 2048. Ich bin dann 53 Jahre alt.

Die Visionen des Berichts führen grundlegende Werte menschlichen Zusammenlebens weiter.

Der Bericht liefert eine breite Übersicht über verschiedene Bereiche des Lebens. Es geht um die Zukunft der Arbeit, der Landwirtschaft, der Finanzwelt, der Demokratie, der Bildung, des Wohnens, der Gesundheit, der Technik … quasi ein Rundumschlag. Die Autoren beginnen zunächst, Werte zu definieren, die als Grundlage für die nachfolgenden Visionen dienen; Werte, die vermutlich erst einmal die Meisten unterschreiben würden: Freiheit, Solidarität, Vielfalt, Sicherheit, Demokratie, Bedürfnisorientierung, und die Berücksichtigung natürlicher Grenzen. Letztlich zeigt der Bericht auf, was es heißen würde, diese Werte weiter und zuende zu denken. Denn auf Basis dieser Grundwerte stellt man sich dann den großen Fehlentwicklungen unserer Zeit: Migrationsströme, Umweltzerstörung, inter- und intranationale Ungerechtigkeit, Rechtsruck, aber auch Überarbeitung, Landflucht, wirtschaftliche Monopolisierungen, Vereinsamung, demographische Schieflagen. Im fiktiven Jahr 2048 sind all diese Probleme gelöst; aber dabei geht es nur bedingt darum, den Weg hin zu Lösungen aufzuzeigen, sondern darum, eine Referenz zu schaffen, wie es sein könnte.

Die Themenfelder in Zukunft für Alle.

Dabei sind einige der Visionen oft nur die logische Folge sich bereits manifestierender Entwicklungen: hin zu mehr Demokratie und Partizipation, weniger und anderer Arbeit, mehr Umweltschutz, Gleichberechtigung, internationale Kooperation und gleichzeitiger Lokalität. Diese bisher teilweise noch nischigen Tendenzen werden hier weitergedacht und zu einem großen Gesamtbild verzahnt. Dabei warfen mir diese Visionen oft Fragezeichen auf. Zwar würde ich quasi alles unterschreiben, was skizziert wird, weil ich auch die zuvor genannten Grundwerte teile. Und viele der Vorschläge wirken durchaus realistisch, weil sie im kleinen Maßstab entstehen können und das schon tun – zum Beispiel lokale Räte als Mittel der Demokratisierung, erhöhte Ressourceneffizienz oder neue Ideen für Mobilität in Städten. Aber bei vielen anderen Ideen muss man dann doch tief in die Hoffnungs-Kiste greifen. 

Ich gebe mal ein paar Beispiele, wie das Jahr 2048 laut Bericht aussehen könnte. Gefängnisse sind abgeschafft, stattdessen gibt es “Räume und gesellschaftliche Gruppen, die Menschen bei der Wiedergutmachung von Verletzungen und Schäden begleiten und auf die Wiederherstellung von positiven, funktionierenden sozialen Beziehungen setzen”. “Es gibt keine Unternehmen mehr, deren Wirtschaftsmodell die Abschöpfung privater Daten ist.”, und gewinnorientierte Banken gibt es auch keine mehr. Reisen sind deutlich verringert, und wer reist, der nimmt sich dafür mehrere Wochen und Monate frei. Landbesitz ist keine mögliche Einnahmequelle mehr. Es gibt keine Waffen mehr, weil sie einfach verboten sind. “Auch in Konflikten, die bereits gewaltvoll ausgetragen werden, bleibt Reden und Verhandeln die beste und wichtigste Strategie.” “Alle nehmen sich Zeit fürs Essen”, und “wir stellen nur noch solche Produkte her, die wir gesellschaftlich sinnvoll finden”. Ich habe das natürlich jetzt alles aus den jeweiligen Kontexten gerissen, aber es sind schon intensive Ideen – nicht, weil sie falsch wären, sondern weil sie so ambitioniert sind. Die im Bericht skizzierte Zukunft würde unsere Gesellschaft einige Privilegien kosten, zum Beispiel der Rückgang der Globalisierung und eine geringere Produktauswahl, der Wegfall ganzer Branchen (darunter die Finanz-, Werbe- und Rüstungsindustrie), die Öffnung von Landesgrenzen. Die Weltpolitik müsste grundlegend verändert und ganze Wirtschaftsbereiche entweder privatisiert oder strengstens reguliert werden. Das heißt nicht, dass das alles nicht richtig wäre, aber es wäre doch ein herber Einschnitt und insbesondere für 2048 doch arg, naja, visionär.

Abschließend führt der Bericht einen fiktiven Zeitstrahl der Zukunft an.

Letztlich läuft der zentrale Konflikt des Berichts für mich auf eine Frage hinaus: Für welche Maßnahmen und Ideen für die Zukunft findet sich demokratischer Konsens, und was, wenn nicht? Wie lässt sich global etwas verändern, wenn gleichzeitig auf alle Rücksicht genommen werden soll? Die vorgeschlagenen Ideen benötigen viel politische Zusammenarbeit, viel gemeinschaftliche Verwaltung von Ressourcen, und viel partizipative Prozesse. Wie kommen wir dahin? Was ist mit denen, die das nicht wollen? Wie lässt sich ein Konsens finden, der für alle funktioniert? Selbst ich merke in dem Bericht hier und da, dass ich nicht bei allen Ideen vor Freude aufspringe. Ist das dann Teil des Prozesses, alle vom Kompromiss zu überzeugen – oder wie möchte man Akzeptanz schaffen? Oder um sich von den spezifischen Visionen dieses Berichts zu lösen: Wie können wir eigene Ideen entwickeln, die für alle funktionieren?

Hier schließt sich eine weitere Frage an: Teilen wirklich alle Menschen die angenommenen Grundwerte? Sind alle Menschen “gut”? Oder gibt es auch “böse” Menschen? Die Autoren nehmen an: “Menschen sind von sozialen Verhältnissen geformt. Sie sind an sich weder selbstlos noch egoistisch, weder friedlich noch aggressiv, sondern durch ihre Mitwelt werden bestimmte Eigenschaften gefördert.” Lassen sich wirklich quasi alle negativen menschlichen Wesenseigenschaften durch Gemeinschaft und gute Erziehung aushebeln? Gibt es dann keinen politischen oder religiösen Radikalismus mehr, keine Gewalt, keinen Egoismus, keine Gier, keine Ausgrenzung und Diskriminierung? Wie verhält sich das zu Freiheit und Individualismus? Wie werden alle glücklich?

Ich mag “Zukunft für Alle”, weil der Bericht auf das Dagegen-Sein etwas folgen lässt. Er liefert Anhaltspunkte, um über die Welt nachzudenken, wie sie sein sollte, und zeigt, dass viele bereits bestehende Visionen miteinander verknüpft werden können. Er hält uns auch vor Augen, was es heißt, unsere Werte ernst zu nehmen. Und er mahnt uns als Gesellschaft an, endlich eine gemeinsame Zukunft zu erarbeiten, die für alle Beteiligten wünschenswert ist. Ob alle im Bericht vorgestellten Ideen letztlich umsetzbar sind, so sehr man das vielleicht auch sinnvoll fände, kann man diskutieren. Und ob 2048 dafür nicht zu früh ist, sowieso. Aber Visionen müssen nicht realistisch sein. Sie müssen inspirieren und Verhandlungsspielräume schaffen. Sie müssen dafür sorgen, dass wir uns mit uns selbst auseinandersetzen. Und wenn wir die Visionen aus „Zukunft für Alle“ nicht mögen, dann müssen wir eigene, bessere Visionen vorlegen. Es kann jedenfalls nicht so weitergehen wie bisher. Und im Vergleich zu allem, was in den letzten Jahren passiert ist, wirkt diese Zukunft auch nicht mehr so unrealistisch. Absurder kann es schließlich kaum noch werden – besser aber in jedem Fall.

Zukunft für Alle ist unter https://zukunftfueralle.jetzt/buch-zum-kongress/ frei verfügbar.

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Ein Kommentar zu „„Wer Visionen hat …

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