Was macht für euch eine gute Nachhaltigkeitsdokumentation aus? Im Ernst, nehmt euch mal fünf Minuten und schreibt das auf. Welche Dokus haben euch gut gefallen? Welche haben euch berührt, welche dazu gebracht, euer Handeln – oder sogar eure Weltsicht – zu verändern? Und welche haben euch einfach nur geärgert? Und dann kommt hierher zurück – nicht vergessen.

Fertig? Gut. Behaltet eure Notizen im Hinterkopf. Reden wir erstmal über mich.


Ich habe vor einigen Tagen Seaspiracy gesehen, den quasi-Nachfolger von Cowspiracy aus dem Jahr 2014, produziert vom selben Mann (Kip Andersen), zu sehen auf Netflix. In Seaspiracy begibt sich ein junger Filmemacher – laut eigenen Angaben seit Kindesalter vom Ozean fasziniert – auf die Reise, um zu verstehen, was die größte Bedrohung für unsere Meere darstellt. Plastikmüll? Die Waljagd? Oder doch SeaLife? Seaspiracy ist nicht bahnbrechend, aber hat ein hohes Tempo, einige eindrucksvolle Bilder und ein paar unangenehme Zahlen. Am Ende habe ich geweint, was aber vermutlich mehr über mich aussagt als über die Doku. Seaspiracy ist dennoch absolut sehenswert: man wusste viel des Gezeigten zwar schon irgendwie, aber alles in 90 Minuten komprimiert zu sehen, hat trotzdem nochmal eine andere Wirkung.

Seaspiracy läuft jetzt auf Netflix und orientiert sich inhaltlich und stilistisch am 2014er Cowspiracy. Quelle: Youtube/Netflix.

Ich bin dann auf letterboxd gegangen, wo ich alle Filme eintrage, die ich sehe, und habe mir ein paar Kritiken der letterboxd-User durchgelesen. Und Seaspiracy kommt bei Vielen nicht so wahnsinnig gut weg. Ein kleiner Auszug:

“documentary filmmaker discovers capitalism”

“…style over substance…”

“there is a growing number of guys with really good camera equipment who’ve never read an article before and documentaries are greatly suffering for it”

Im Grunde wird dem Regisseur Ali Tabrizi vorgeworfen, so zu tun, als wären das alles schockierende Neuigkeiten, obwohl fast alles Gezeigte schon dokumentiert und veröffentlicht wurde. Dazu wird die emotional manipulierende Gestaltung der Doku kritisiert, sowie die Fokussierung auf ihn selbst als ihren Protagonisten. Bei vielen Punkten kann ich mitgehen – Seaspiracy ist als Doku kein großer Wurf – aber es hat mich doch irritiert, was das Internet so schrieb. Die Kritik fühlte sich unfair an. Aber wieso?

Also lasst uns – auch wenn das etwas meta ist auf einem Nachhaltigkeitsblog – mal über Nachhaltigkeitskommunikation sprechen.

Nachhaltigkeitskommunikation ist nämlich ein richtig spannendes Feld. Auf Basis bestehender Erkenntnisse der Wissenschafts- und Risikokommunikation beschäftigen sich Forschende seit einigen Jahren zunehmend damit, wie man Menschen erfolgreich zu nachhaltigeren Denk- und Verhaltensweisen bringt. Ein wichtiger Vorreiter ist hierbei die Klimakommunikation: wie erklärt man den Klimawandel, und wie vermittelt man, was notwendig ist, um ihn aufzuhalten? Die Website klimafakten.de hat hier im vergangenen November ein wirklich lesenswertes 20-teiliges Handbuch veröffentlicht, das quasi alle bestehenden Erkenntnisse in diesem Feld aufbereitet – mehr dazu unten. Der Ausgangspunkt hierbei ist die langjährige Erfahrung, dass es nicht ausreicht, die Faktenlage darzustellen. Das war nämlich lange die Annahme: die Menschen wüssten einfach nicht genug, und wenn wir sie mit allen Infos versorgten, dann würden sie entsprechend handeln. Diese Annahme wird als “Defizitmodell” bezeichnet, war lange der way to go, und ist heute überholt, denn: es funktioniert nicht. Wir alle wissen eigentlich genug über den Klimawandel, um entsprechend handeln zu können. Die Infos sind alle da, und trotzdem sinken die Treibhausgasemissionen einfach nicht. Es gibt sogar immer noch Menschen, die behaupten, es gäbe keinen Klimawandel.

Also haben sich neue Ansätze herausgebildet. So soll beispielsweise nicht nur das Problem aufgezeigt werden, sondern Lösungsansätze in den Vordergrund gestellt werden: was kannst Du für das Klima tun? Wichtig sei zudem, die Distanz abzubauen, die viele Menschen zum Klimawandel haben: erstens eine zeitliche Distanz, weil heutiges Handeln erst in Jahren oder Jahrzehnten Auswirkungen zeigt (egal ob Emissionen oder Gegenmaßnahmen); zweitens eine räumliche Distanz, weil Klimafolgeschäden vor allem andere Länder treffen als diejenigen, die sie verursachen; und drittens eine soziale Distanz, denn wer kennt hierzulande wirklich jemanden, dessen Existenz durch den Klimawandel bedroht ist? Um diese Distanzen zu überwinden, sollten die Auswirkungen des Klimawandels auf die Lebensrealität der Menschen bezogen werden. Weiter geht’s: Klimawandelkommunikation sollte die Menschen emotional erreichen, dafür wird seit einigen Jahren viel Hoffnung in Storytelling gesteckt. Das Erzählen von Geschichten über den Klimawandel sei besser verständlich und könne stärker zum Handeln motivieren als ein Aufzählen von Zahlen und Statistiken. Und dann ist noch wichtig, wer vom Klimawandel erzählt: WissenschaftlerInnen gelten als glaubwürdiger als PolitikerInnen und AktivistInnen, aber das hängt auch von der Zielgruppe ab. (Natürlich gibt es noch viel mehr Aspekte – schaut mal unten in die Literaturempfehlungen rein!)

„Über Klima sprechen. Das Handbuch“ von klimafakten.de ist eine eindrucksvolle Aufstellung bestehender Erkenntnisse zu guter Klimakommunikation. Das Handbuch ist bisher zur Hälfte online. Quelle: klimafakten.de

Das sind alles wichtige Erkenntnisse, die sich auf viele Nachhaltigkeitsprobleme übertragen lassen – Biodiversitätsverluste, Menschenrechtsverletzungen, soziale Ungerechtigkeit. Sie haben auch sicherlich dazu beigetragen, unsere Nachhaltigkeitskommunikation zu verbessern. Es hat schon einen Grund, dass die Grünen so einen Aufschwung erleben, und dass Nachhaltigkeit so einen Trend darstellt. Nur leider haben wir trotz all dieses Wissens kein Allheilmittel, denn in der Realität wird das alles viel komplizierter:

  • Lösungen statt Probleme in den Vordergrund zu stellen, ändert nicht viel, wenn die Lösungen enorm komplex und herausfordernd sind. Man bezeichnet viele Nachhaltigkeitsprobleme daher als ‚wicked problems‘, die keine offensichtlichen Lösungen haben. Kleinere Alltagslösungen und lokale Initiativen sind wiederum zwar umsetzbar, aber eben auch quasi unwirksam im Gesamtkontext – schlimmstenfalls wird so das Gefühl suggeriert, dass es eben schon reicht, den Fernseher nachts nicht auf Stand-by zu lassen. Dazu kommt verwirrende Werbung, kontraproduktive Gewohnheiten und die Preisfrage, z.b. bei Elektroautos.
  • Wenn man den Klimawandel lokal greifbar macht, indem man beispielsweise auf die Gefahr höherer Temperaturen für Oma hinweist, führt das mitunter zu Abwehrreaktionen und den Unwillen, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen.
  • Stories können für gewisse Zielgruppen ein guter Ansatzpunkt sein, aber man läuft Gefahr, der Komplexität des Problems damit nicht gerecht zu werden, was kontraproduktiv sein kann.
  • WissenschaftlerInnen sind traditionell nicht dafür ausgebildet, empathisch und leicht verständlich für Laien zu kommunizieren, während AktivistInnen und PolitikerInnen, die es vielleicht können, als weniger glaubwürdig wahrgenommen werden. Es hat schon einen Grund, wieso sich alle Sender auf Mai-Thi Nguyen-Kim, Maja Göpel und Harald Lesch stürzen – es gibt nur wenige Menschen, die breite Zielgruppen für diese Themen begeistern können, und sich dieser Aufgabe auch stellen möchten.

Und das bezieht sich alles nur auf Nachhaltigkeitskommunikation für die allgemeine Öffentlichkeit. Für die Politik, die ja nun auch überzeugt werden muss, gelten ganz andere Regeln – hier braucht man mit Storytelling nicht anzukommen. Stattdessen braucht es Lösungsvorschläge, aus denen sich die Politik dann die aussuchen kann, die ihnen umsetzbar erscheinen. Gleichzeitig sieht man ja in der Corona-Politik, dass die Vorschläge der Wissenschaft vor allem dann übernommen werden, wenn sie sich gut mit anderen Interessen decken – und dass sich das schnell ändern kann.

Es ist – wie so oft – alles ein bisschen schwierig. Gehen wir also nochmal zurück zu den Dokus. Im Jahr 2016, beispielsweise, erschien Before the Flood von und mit Leonardo DiCaprio. Darin reist er um die Welt, um sich von verschiedenen Menschen erzählen zu lassen, welche Auswirkungen der Klimawandel hat. Er trifft unter Anderem den Papst, Elon Musk und Barack Obama, und erzählt auch ein bisschen über sich. Before the Flood ist sicherlich keine wahnsinnig gute Dokumentation, aber sie wählt einen interessanten Weg: DiCaprio ist die Projektionsfläche für die Zuschauenden, die – wie er – selbst gar nicht wussten, wie schlimm alles ist. Die bekannten und (zumeist) beliebten Gesichter sollen unterstreichen, welche Dimension das Problem hat, und DiCaprio reflektiert auch ein bisschen seine eigene Rolle. Ich denke, dass dieser Weg durchaus wirksam war – gleichzeitig waren die dargestellten Informationen sicher nicht immer ganz glücklich gewählt, und DiCaprio ist nicht unbedingt der glaubwürdigste Botschafter. Er ist kein Wissenschaftler, und dass er immer mit seinem Privatjet durch die Gegend fliegt, kann er auch mit ganz doller Reflexion nicht aus der Welt schaffen. Insofern ist Before the Flood durchaus emotional angelegt und hat eine ansprechende Story, aber Kommunikator und Problemdarstellung sind etwas – nun – problematisch.

Dann erschien 2020 David Attenborough: A Life on Our Planet. Diese Doku habe ich ja bereits letztes Jahr wärmstens empfohlen, und sie bleibt meiner Meinung nach ein Musterbeispiel: Attenborough zeigt tolle Bilder und erzählt eine spannende Geschichte – nämlich die seines Lebens. Er ist selbstkritisch, und in der zweiten Hälfte der Doku enorm lösungsorientiert, ohne die Schwere der Situation aus den Augen zu verlieren. Allerdings ist David Attenborough vermutlich für meine Altersgruppe nicht so spannend wie Leonardo DiCaprio. Irgendwas ist ja immer.

Und damit kommen wir zu Seaspiracy zurück. Im Grunde hat Seaspiracy dasselbe Motiv wie Before the Flood: wir folgen der Entdeckungsreise eines unwissenden, aber engagierten jungen Mannes um die Welt und lernen mit ihm das Unheil kennen, das er dort antrifft. Nur ist Seaspiracy eben nicht voller berühmter Persönlichkeiten, sondern ein bisschen flashy, ein bisschen Agententhriller, und auch ein bisschen naiv. Was Regisseur Ali Tabrizi zeigt, ist schon an anderer Stelle berichtet worden, und er fasst nur verschiedene Elemente zusammen. Zudem ist er als Protagonist kein glaubwürdiger Wissenschaftskommunikator, aber er lädt sich solche in seine Doku ein, und den Rest erledigen die dramatischen Bilder. Am Ende heißt es sinngemäß, eigentlich müssten die Regierungen die Probleme lösen, aber wenn sie das nicht tun, müssen wir es halt selbst in die Hand nehmen. Das ist sicherlich motivierend, aber auch nur die halbe Wahrheit. Und dass die Doku den Eindruck vermittelt, die gesamte Fischindustrie sei mafiös, ist natürlich so eine Sache.

Ich bin deshalb weiterhin damit einverstanden, dass Seaspiracy jetzt nicht unbedingt mit einem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wird. Aber jetzt kommt mein Punkt: Seaspiracy landete am Releasetag in den Top 10 auf Netflix in über 40 Ländern, war in vielen Ländern der meistgestreamte Film. Und Netflix hat über 200 Millionen zahlende Mitglieder (das sind in Mark 600 Millionen aktive Nutzer). Daher denke ich, dass wir sowas wie Seaspiracy brauchen. Wir brauchen Nachhaltigkeitskommunikation, die viele Menschen emotional berührt, und Aufmerksamkeit dort erzeugt, wo sie nicht eh schon vorhanden ist. Eine bessere, aber weniger zugängliche Dokumentation würde vielleicht nur von denen geschaut, die eh schon keinen Fisch mehr essen. Aber Netflix erreicht eben so viele mehr, und wenn die Doku dann nicht perfekt ist – so sei es.

Wie auf ihrem Instagram-Kanal zu sehen, war Seaspiracy weltweit für viele Netflix-User von Interesse. Quelle: Instagram/seaspiracy

Ich bin davon überzeugt, dass wir so viele Formate, Kanäle, KommunikatorInnen, Ansätze und Ideen brauchen wie möglich, um gesellschaftliche Akzeptanz für das zu schaffen, was nötig ist. Werft jetzt nochmal einen Blick auf eure Notizen vom Anfang: was für euch eine gute Doku – oder gute Nachhaltigkeitskommunikation an sich – ausmacht, erreicht vermutlich auch viele andere Menschen. Andere wiederum interessiert das nicht, und ein neuer Ansatz muss her. Es gibt keinen Königsweg, und wir lernen immer noch, wie wir möglichst effektiv kommunizieren. Seaspiracy ist eine emotionale Erkenntnisreise für ein Netflix-Publikum, und mich hat sie ja auch gekriegt, obwohl ich im Grunde das Meiste wusste. Deshalb ist so ein Ansatz ein genauso wichtiger Bestandteil öffentlichkeitswirksamer Kommunikation wie nachhaltigkeitsorientierte Instagram-Accounts, hoffnungsvolle Spiegel-Bestseller, medienwirksame Demonstrationen, nischige Podcasts und Blogs, oder die Präsenz von WissenschaftlerInnen bei Markus Lanz. Das heißt nicht, dass man nichts kritisieren dürfen sollte – im Gegenteil. Aber Seaspiracy hat seine Daseinsberechtigung, und ich bin mir sicher, dass es seinen Teil zu einem Umdenken beitragen kann. Und das ist mir schon genug.

Weiterführende Literatur

Wenn ihr euch – so wie ich – für Nachhaltigkeits- und Wissenschaftskommunikation begeistern könnt, kann ich die folgenden Publikationen wärmstens empfehlen.

Schneller Einstieg:

  • Newig et al. 2013. Communication regarding sustainability: Conceptual perspectives and exploration of societal subsystems. Sustainability 5(7). 2976-2990.
  • Veland et al. 2018. Narrative matters for sustainability: the transformative role of storytelling in realizing 1.5°C futures. Current Opinion in Environmental Sustainability 31. 41-47.
  • Dahlstrom, M.F. 2014. Using narratives and storytelling to communicate science with nonexpert audiences. PNAS 111 (4). 13614–13620

Ausführlicher:

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2 Kommentare zu „‚Seaspiracy‘ und die Herausforderung, gut zu kommunizieren

  1. Moin
    Meine letzten Dokus handelten über die Meeresspiegelanhebung und dem Vaquita „Wal“ in Mexiko.
    Auch sehe ich gerne Dokus über Tiere allgemein, der Umwelt und dem Weltraum. Bin immer froh wenn diese ins Deutsche übersetzt werden. Mein Schulenglisch ist nur für’s Überleben…
    Ich lese gerne deinen Block.
    Bin ab und zu erschlagen von den Fachausdrücken aber auch das wird ja gut erklärt. Ansonsten GOOGLE ich es halt.
    Sehr umfangreich wie du auf die Themen eingehst. Gut verlinkt.
    Ich habe nicht studiert und gehe auf die 60 zu und muss auch schon mal 2x lesen aber auch das ist ok! Weiter so!!!

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