Wer im Jahr 2020 – und im Grunde jeden Tag seitdem – eine bekannte deutsche Drogeriekette besucht hat, wird wohl mal „Der neunte Arm des Oktopus“ gesehen haben. Ein Buch mit einem roten Oktopusarm auf dem Cover, das sich über 400.00 mal verkaufen konnte, und von besagter Drogeriekette prominenter beworben wurde als … ok ich kenne mich nicht mit Werbung aus, jedenfalls war das Buch sehr präsent. Die Drogeriekette möchte ich gar nicht benennen, aber jedenfalls heißt ihr Gründer Dirk Rossmann und er hat einen Ökothriller geschrieben. Und nachdem ich im April 2021 über die Doku „Seaspiracy“ schrieb: „Wir brauchen Nachhaltigkeitskommunikation, die viele Menschen emotional berührt, und Aufmerksamkeit dort erzeugt, wo sie nicht eh schon vorhanden ist.“, möchte ich diese Aussage relativieren.

Es gibt für alles eine Grenze.

Ich bin davon überzeugt, dass „Der neunte Arm des Oktopus“ ein wirklich schwieriges Werk ist. Nicht schwierig zu verstehen – ganz im Gegenteil. Die simple Sprache, zweiseitigen Kapitel und dünnen Charakterzeichnungen sollen niemanden überfordern. „Der neunte Arm des Oktopus“ ist wirklich kein guter Thriller. Die erste und zweite Hälfte sind inhaltlich völlig inkonsistent. Dirk Rossmann baut immer wieder Passagen ein, die sich cool lesen sollen aber nichts mit dem restlichen Stil des Buchs zu tun haben und sich bestenfalls als „Experimente“ bezeichnen lassen. Schlimme Stilblüten sind keine Seltenheit, zweimal heißt es über dieselbe Figur: „Er hätte nie gedacht, dass er einmal die Welt retten müsste“. Meine Güte, ernsthaft. Die Charaktere sind absolute Abziehbilder – der nerdige Koch, der über sich hinaus wächst; der böse Waffenhändler mit schwerer Kindheit; das ärmliche Mädchen aus Indien, das nur Gutes tun will. Die Kapitel, die im Jahr 2100 spielen, sind aus billiger Science-Fiction zusammengeklaut, mit dem Essen aus Algen, Möbeln aus Sonnenblumen, Gehirnimplantaten und Haushaltsrobotern. Ich gebe gerne zu – wenn die Handlung in der zweiten Hälfte etwas in Fahrt kommt, will ich schon wissen, wie es ausgeht. Aber nichts bleibt hängen. Fast-Food-Literatur aus der Hölle.

Das wäre mir ja alles noch egal. 400.000 Verkäufe kann ich nicht nachvollziehen, aber es haben schon schlechtere Unterhaltungsprodukte ihre Zielgruppen gefunden. Ich bin offensichtlich nicht Teil der Zielgruppe. Nicht, weil mein Literaturgeschmack so ausgefeilt wäre. Vielmehr aufgrund des Inhalts des Buchs, der Story, wenn man hier davon sprechen möchte. Ein Beispiel: Das Buch beginnt mit der Metapher, dass die Geschichte der Erde sich in einem Jahr darstellen lässt, und die Existenz der Menschheit lässt sich in diesem Jahr in wenigen Minuten abhandeln. Wir sind so klein und unbedeutend – was maßen wir uns eigentlich an? Schenken wir den Kritiken im Internet Glauben, ist das wirklich inspirierend für Viele – und ja, ich maße mir was an, aber ich hab diese auf den letzten Tropfen ausgelutschte Metapher für Satire gehalten, denn wer beginnt ernsthaft so ein Buch noch mit diesem Bildnis?

Es war keine Satire.

Ich bin ja ein Verfechter davon, Menschen mit Populärkultur für ernste Themen zu gewinnen. Ich finde es ok, wenn Zac Efron in „Down to Earth“ auf Netflix zeigt, dass er noch nie was von erneuerbaren Energien gehört hat. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass „Der neunte Arm“ des Oktopus mehr Leid zufügt, als das Buch Gutes tut. Ich denke, Dirk Rossmann hatte eine gute Absicht, aber von den 12 weiteren Menschen, die gemäß der Danksagung am Buch mitgeschrieben haben, hat wirklich niemand gesagt: „Hey, Dirk… ich glaube, da solltest du nochmal wen drüberschauen lassen“?

Also, worum geht’s? Im Hier und Jetzt taut der Permafrost. Das tut er tatsächlich! Aber anders als in der echten Welt findet Russland das voll scheiße und schließt sich – mauschel, mauschel – mit China und den USA zusammen, um etwas dagegen zu tun. Namentlich sitzen Xi Jinping, Wladimir Putin und ab-2025-Präsidentin-der-USA-Kamala-Harris in Hinterzimmern und hecken eine neue Weltordnung aus. Diese Weltordnung hat drei Teile:

Teil 1: die Abrüstung jeglichen nationalen Militärs und stattdessen die Einrichtung eines Weltmilitärs. Damit einhergehend die Einrichtung einer de-facto-Weltregierung – der „G3“ – und der Druck auf alle Konfliktherde der Welt, die Füße still zu halten. Mali, Israel, Nordkorea, alle kuschen, es wird viel Geld frei, das für Klimaschutz genutzt werden kann. Smart! Dieser Schritt hat irgendwie nichts mit dem Klima zu tun, außer, dass die G3 dadurch mehr Macht erhalten. Am Ende erhält Wladimir Putin den Friedensnobelpreis und wenn das nicht alles über die Story sagt, was man wissen muss, weiß ich auch nicht. Ein paar Geheimdienstler und Waffenhändler finden das alles nicht so friedensnobelpreiswürdig, daraus entspinnt sich dann die dünne Politthriller-Geschichte, aber der will ich gar nicht so viel Zeit widmen.

Teil 2: Klimaschutz. Die neue Weltregierung setzt sich also hin und beschließt viele Pläne für radikalen Klimaschutz. Wer von den anderen Ländern dabei nicht mitmachen möchte, ist kein Freund mehr und bekommt das finanziell – und, spoiler, später auch militärisch – zu spüren. Hier könnte das Buch ganz spannend sein. Angesichts der enormen Herausforderung namens Klimawandel ist der Gedanke nicht ganz neu, dass eine stark durchgreifende Ökodiktatur vielleicht mehr schaffen würde als die träge, überwiegend demokratische Weltpolitik. Klar, moralisch höchst fragwürdig, aber in diesem Spannungsfeld hätte Dirk Rossmann eine Auseinandersetzung mit der Frage nach sinnvollen und nicht so sinnvollen Klimaschutzmaßnahmen ansetzen können, und wie sich diese mit unserem liberalen Verständnis von Selbstbestimmung, Freiheit und Gerechtigkeit vertragen.

Tut er nicht. Was mich an diesem Teil des Buchs so fuchsig macht, ist, wie unverantwortlich alles in einen Topf geworfen wird. Ich habe mal alle Klimaschutzmaßnahmen aufgelistet, die Kamala Harris bei ihrem Amtsantritt im Buch verkündet, und sie nach ihrer Sinnhaftigkeit bewertet. Sinnhaftigkeit heißt nicht nur, ob sie Klimaschutz voranbringen – das tun sie alle – sondern auch, ob sie in IRGENDEINER Form sozial verträglich sind.

Maßnahme(Eher) sinnvoll?
Importverbot für Fleisch aus den TropenJa
Sondersteuer auf Fleisch mit Ausgleich auf andere LebensmittelJa
Bezugsscheine für FleischNein
Verbot für Verbrenner ohne Ausbau der E-MobilitätNein
NICHT erwähnt: Ausbau der Erneuerbaren Energien (ernsthaft?)Nein
Verbot von Klimaanlagen ab 25°C außer für PflegeeinrichtungenNein
Abwrackprämie für ineffiziente ElektrogeräteJa
Sofortprogramm für die Sanierung von GebäudenJa
50% Reduktion von Flügen, ohne Ausbau der öffentlichen VerkehrsmittelNein
Innovationsboosts für grüne Technologien und deren ZulassungJa
Aufforstung ohne Rücksicht auf die Zusammensetzung der WälderNein

Seht ihr was ich meine? Wären alle Maßnahmen offensichtlicher Schwachsinn, könnte man sich wenigstens an der Idiotie der G3 laben und sehen, wo die Reise der Ökodiktatur hingeht. Wären alle Maßnahmen super sinnvoll, hätte man den angesprochenen spannenden Konflikt zwischen Freiheit und Klimaschutz. Da Dirk Rossmann aber alles zusammenwirft, steht man völlig ratlos da. Was will uns der Autor sagen? Ist er für die G3 oder dagegen? Das indische Mädchen in der ersten Buchhälfte kann kein Schulprojekt durchführen, weil die G3 die Fördermittel blockiert – armes Mädchen, böse G3! Der Waffenhändler kann kein Geld mehr verdienen, weil die G3 abrüstet – haha du Idiot, gute G3! Das Buch schließt quasi mit der Metapher, dass ein KI-gesteuerter neunter Arm, der an einen Oktopus geheftet wird – vorher als Metapher für die G3 eingeführt – vom Oktopus zerfetzt wird, denn „die Natur will nicht immer und überall reguliert, verbessert werden“. Fazit: die Natur regelt sich schon selbst, Klimawandel ist natürlich? Hä?

Vielleicht denkt ihr jetzt: Christopher, chill mal, es ist ein spannendes Was-Wäre-Wenn, und der Autor bezieht bewusst keine Stellung – oder beleuchtet verschiedene Seiten – damit die Leser und Leserinnen sich ihre eigenen Gedanken machen und Meinungen bilden. Das Buch führt all das aber so plump ein, dass ich Dirk Rossmann am Tisch sitzen sehe, wie er sich denkt „Ich hab keine Antworten aber ich tue einfach so als wäre das der Clou! Haha, ich Genie!“. Keine Antworten zu haben ist okay, aber dann wirf doch bitte nicht so mit halbgaren pseudo-cleveren Perspektivwechseln um dich.

Was mich am meisten ärgert, ist aber Teil 3: der Stammtisch-Nonsens. Dirk Rossmann hat 1991 die „Deutsche Stiftung Weltbevölkerung“ mitgegründet. Die Stiftung möchte insbesondere in Afrika jungen Menschen bei einer nachhaltigeren, selbstbestimmten Familienplanung helfen und damit zu einer gesundem Bevölkerungsentwicklung beitragen, und finanziert dafür Programme zur Aufklärung, Familienplanung und Gesundheit. Wenn zwei deutsche Männer eine Stiftung gründen, die vor allem in Afrika für weniger Kinder sorgen soll, hat das immer einen Beigeschmack. Aber auf den ersten Blick scheint diese Stiftung ganz sinnvolle Arbeit zu leisten. Dirk Rossmann liegt das Thema anscheinend am Herzen. So sehr, dass es die dritte Säule des G3-Masterplans im Buch darstellt, aber auf andere Weise. China, Russland und die USA machen nämlich Druck auf die Welt – insbesondere auf Länder wie Ägypten, Nigeria, Indien – nicht mehr so viele neue Menschen zu erzeugen. Denen geht es doch so schlecht! In einer Quasi-Erpressung sollen diese Länder sich ein Vorbild an China nehmen und eine Ein-Kind-Politik umsetzen – sofort. In unserer echten Welt hat die Ein-Kind-Politik für so viele soziale Probleme gesorgt, dass China sie mittlerweile wieder abgeschafft hat. In „Der neunte Arm des Oktopus“ ist sie aber eine klasse Idee. Kamala Harris stellt diese Maßnahme bei ihrer Amtseinführung vor, anstatt dasselbe Geld, das die Länder als Gegenleistung erhalten, in zum Beispiel Bildungsprojekte und wirtschaftlichen Wohlstand zu investieren. Das sind nämlich Dinge, die tatsächlich für kleinere Familien sorgen, und die zur Folge haben werden, dass wir in der echten Welt im Laufe des 21. Jahrhunderts ein Maximum und dann voraussichtlich einen Rückgang der Weltbevölkerung erleben werden – allerdings nicht, weil Kinder verboten werden, sondern weil durch steigende Gesundheit, mehr Aufstiegschancen und finanzielle Sicherheit ganz automatisch weniger Kinder gezeugt werden. Eine oppressive Zwangsschrumpfung vorzuschlagen, könnte man als offensichtlich „böse“ Maßnahme der G3 verstehen. In dem Brei aus Klimaschutzmaßnahmen und angesichts Dirk Rossmanns realer Arbeit habe ich allerdings wirklich keine Ahnung, ob er hier dem Stammtisch-Genöle von den „Chinesen und Indern, die einfach mal weniger Kinder kriegen sollen“ den Spiegel vorhalten möchte oder ob er endlich mal etwas freidrehen kann. In jedem Fall denke ich, dass es gefährlich ist, so eine Maßnahme als zentrale Säule einer effektiven Klimapolitik einzuführen, ohne sich eine Sekunde mit den sozialen Folgen dessen auseinanderzusetzen, und nebenbei die neue Weltregierung im Roman nicht mal neue Windkraftanlagen bauen zu lassen.

Der neunte Arm des Oktopus“ wäre gern eine smarter, provokativer Zukunftsentwurf/Politthriller/Weckruf für Klimaschutz. Leider ist er nichts davon. Nicht wenige der mindestens 400.000 Leser*innen werden vielleicht die Dringlichkeit effektiven Klimaschutzes aus dem Buch mitnehmen, aber vermutlich werden genauso viele die falschen Schlüsse ziehen. Daran sind sie nicht selbst Schuld. Wer möchte, kann sich gegen keine Gebühr drei Seiten höchstpersönlich von mir formulierte handschriftliche Notizen zum Buch anfordern lassen, was zu empfehlen ist, falls man noch Bedarf an in Großbuchstaben geschriebenen „Was zur Hölle“-Zeilen hat. Ihr könnt das aber auch lassen, ich werfe die Notizen und das Buch weg, ihr lest etwas Anderes und holt euch ’ne Pizza. Ist doch alles viel zu schade, um sich davon den Tag versauen zu lassen. Cheerio und bis zum nächsten Mal beim literarischen Quartett.

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2 Kommentare zu „Buchkritik: Der neunte Arm des Oktopus

  1. Lieber christopherpaulfranz,
    erlaube uns eine kleine Korrektur: Ziel der DSW ist es nicht, eine „Überbevölkerung“ zu vermeiden. Wir unterstützen junge Menschen in Ostafrika dabei, selbstbestimmte Entscheidungen über ihre Sexualität und Verhütung zu treffen. In unserer Arbeit stehen das Individuum und dessen Empowerment sowie körperliche Selbstbestimmung im Mittelpunkt. Nebeneffekt: Wenn Frauen nur noch so viele Kinder bekommen, wie sie möchten, trägt dies auch zu einer zukunftsfähigen Bevölkerungsentwicklung bei.
    Liebe Grüße
    Marei aus dem DSW-Kommunikationsteam

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