Der folgende Text entstand im Anschluss an ein Seminar, in dem wir über den Begriff der “Klimareligion” diskutiert haben. Ich hoffe, ich habe keine religiösen Gefühle verletzt – falls Ihr anders darüber denkt, freue ich mich über (konstruktives) Feedback. Religion ist ja ein sehr persönliches Thema. Übrigens: einen ähnlichen Kommentar wie diesen veröffentlichte die SZ im Mai. Der lesenswerte Text ist hier zu finden https://sz-magazin.sueddeutsche.de/politik/klimareligion-klima-klimawandel-greta-thunberg-87280 – aber ich verspreche, ich hab nicht abgeguckt!
Wenn man so wie ich viel auf Social Media unterwegs ist (Fehler) und sich ab und zu Kommentare zu Artikeln über Klima- und Umweltpolitik anschaut (großer Fehler), stößt man irgendwann auf Leute, die das Wort “Klimareligion” benutzen. Damit drücken sie vornehmlich ihren Unmut gegenüber Menschen aus, die aktiv für “grüne” Politik werben. Der “Klimareligion” werden dabei viele Parallelen mit anderen Religionen zugesprochen: Umweltverschmutzung als Sünde, CO2-Kompensation als Ablasshandel, Klimademonstrationen als Kreuzzüge, Schulschwänzer, die heiliggesprochen werden (Zitat Christian Lindner), die Grünen als neue Kirche, Klimaforscher als Propheten, Robert Habeck als Papst, Greta Thunberg als Gott. Oder war sie die Prophetin? Und wer ist das Äquivalent zum lokalen Kirchenvorstand? Man kommt da schnell durcheinander. Zehn Umweltgebote lassen sich aber bestimmt auch noch zusammenkratzen und eine Nachhaltigkeitsbibel liegt sicher auch irgendwo herum.
Ihr seht schon, die Metapher funktioniert irgendwie. Aber was steckt dahinter?
Wer den Begriff “Klimareligion” (oder auch “Klimafanatismus”) nutzt, meint das nicht nett. Die Aussage dahinter: in Deutschland haben wir als westliche Gesellschaft im 21. Jahrhundert die mittelalterliche Vorherrschaft der (katholischen) Kirche hinter uns gelassen. Wenn die Umweltbewegung also mit einer Religion gleichgesetzt wird, wird sie als rückständig, überholt und unzeitgemäß bezeichnet. Vor allem aber wird damit angedeutet, dass die “Anhänger” der Bewegung, die Schüler*innen auf der Straße, die Forschenden, die Grünen-Politiker*innen und Menschen wie ich (hallo!) wider der wissenschaftlichen Aufklärung handeln und sich in haltlose Glaubenskonstrukte stürzen. Diese Überzeichnung soll natürlich vor allem davon ablenken, sich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzen zu müssen und ohne schlechtes Gewissen weiter dagegen sein zu können, soweit nichts Neues.
Aber haben diese kritischen Stimmen vielleicht doch irgendwie recht? Der erste Impuls sagt für mich natürlich “auf gar keinen Fall, also bitte!”, aber nach etwas Nachdenken gibt es für mich eine klare Antwort: Jein.
Einerseits liegen sie falsch. Während viele Religionen ihren Wahrheitsanspruch aus der Luft ziehen und mit einer göttlichen Übermacht begründen, deren Existenz niemals falsifiziert werden kann, macht die Umweltbewegung genau das Gegenteil. Sie basiert ja schließlich auf Wissenschaft, und die hat nun einmal an sich, dass sie nach wissenschaftlichen Prinzipien funktioniert. Sie kann also immer wieder angezweifelt werden, und wenn ihre Aussagen trotzdem Bestand haben, ist wohl etwas dran. An der Gravitation wird ja auch nicht mehr ernsthaft gezweifelt. Die Umweltbewegung stützt sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die Jahrzehnte zurückgehen und in ihren Grundzügen unzählige Male bestätigt wurden. Sie sind wissenschaftlicher Konsens: das Klima und die Umwelt verändern sich, der Mensch spielt eine große Rolle dabei und diese Veränderungen schaden der Natur und dem Menschen. Wer diese Erkenntnisse infrage stellt, stellt Wissenschaft infrage. Und wer Wissenschaft infrage stellt, hat ein Problem. Denn unsere Welt ist auf Wissenschaft und Technik begründet. Telekommunikation, Industrie, Verkehr, Bildung, Entertainment, der Zoo und der Dönerspieß würden ohne technologischen Fortschritt und wissenschaftliche Forschung nicht existieren. Eine Welt ohne Wissenschaft ließe sich kaum vorstellen, und das würde auch niemand wollen. Nicht einmal diejenigen, die den Klimawandel als Fanatismus oder Religion abtun. Also ist es Blödsinn, das zu tun. Die der Umweltbewegung zugrundeliegenden Prinzipien, Werte und die abgeleiteten Handlungsvorschläge haben Hand und Fuß. Was nicht aus der Wissenschaft kommt – zum Beispiel die Ideen von Generationengerechtigkeit und dem gleichen Wert aller Menschen – haben wir uns seit Jahrhunderten alle auf die Fahne geschrieben (manche mehr und manche weniger) und ist damit auch kaum streitbar. Streng genommen stützt sich die Umweltbewegung auch hier auf die Wissenschaft, die schließlich bestätigt, dass wir alle nur Menschenaffen sind.
Andererseits… es geht bei der Metapher der “Klimareligion” nicht unbedingt darum, die grundsätzliche Bewegung zu diskreditieren. Das wäre, wie gerade gezeigt, auch etwas widersprüchlich. Klimaschutzgegner sind oft ziemlich verbohrt, nörgelig, aggressiv, inkonsequent und unkooperativ, aber was sie nicht sind – äh.. – worauf wollte ich hinaus?
Achso. Also, wenn man ehrlich ist, geht es bei der Metapher nicht darum, den allgemeinen Konsens anzuzweifeln – nicht immer zumindest, Klimawandelleugner gibt es schon noch. Oft geht es aber eher darum, Verhalten anzukreiden, das von blinder Ideologie getrieben zu sein scheint und die Fakten dabei außer Acht lässt. Zum Beispiel, wenn radikale Forderungen gestellt werden, wie beispielsweise das Fliegen, Fleischkonsum oder Plastik zu verbieten. Und hier muss ich gestehen: da ist was dran. Denn wenn wir ehrlich sind, ist nicht alles, was gefordert wird, streng genommen 100%ig sinnvoll. Ich meine damit nicht das Ziel der Klimaneutralität bis 2050: das ist ziemlich ambitioniert, aber auch ziemlich richtig. Ich meine damit, um jeden Preis europäische Plastiktüten verbieten zu wollen, obwohl sie im globalen Bild nicht die Aufmerksamkeit verdienen, die ihnen zugesprochen wird. In Deutschland Wasser zu sparen, obwohl das eins unserer geringsten Probleme ist. Oder Dieselfahrverbote zu fordern, unter denen dann vor allem die Fahrer leiden und nicht die Autokonzerne. Natürlich geht es oft um das Symbol hinter der Forderung, und ihre Umsetzung täte auch niemandem weh, weil sie grundsätzlich gut gemeint ist, aber das macht die Forderung nur bedingt sinnvoller. Wenn wir darüber diskutieren, ob Kükenschreddern verboten werden sollte, ist das schon richtig – das löst das Problem der Massentierhaltung aber nicht. Sinnvoll wäre es, Massentierhaltung ganz abzuschaffen (aber das wäre ja schon wieder ziemlich radikal. Puh.) Ein weiteres Beispiel wäre, eine weltweite Versorgung mit Elektroautos zu verlangen. Das ist Blödsinn. Die Batterien, die Energie und der Rohstoffverbrauch sprechen dagegen, dass jeder der bald 9,5 Mrd. Menschen mit einem Elektroauto durch die Gegend düst. Wir brauchen vor allem weniger Autos auf der Welt, nicht nur andere. Deshalb fordert das auch kaum jemand ernsthaft, der sich mit dem Thema auskennt – außer vielleicht einige Autohersteller (selbst Tesla strebt eine Welt an, in der sich Menschen ihre Teslas teilen – aber Elon Musk will auch die ganze Welt untertunneln und zum Mars, da muss man immer vorsichtig sein).
Es gibt diese Forderungen, die vielleicht etwas an den Fakten vorbeischießen, aber es gut meinen. Damit machen sie sich angreifbar und werden dann auch angegriffen. Es gibt darüber hinaus auch ziemlich radikale Strömungen in der Umweltbewegung, die kompromisslose Kapitalismuskritik üben, die härteste Bandagen fordern und vornehmlich dagegen sind. Damit folgen sie grundsätzlich dem Geist der Umweltbewegung, vernachlässigen aber auch mal die Realität.
Sind sie also doch fanatische Religiöse? Oder zumindest ideologisch verblendet?
Yuval Noah Harari, Autor von Sapiens und Homo Deus nennt zwei Kriterien, die eine Religion ausmachen. Erstens: sie hat feste Regeln, Normen und Werte, die von allen Anhängern der Religion anerkannt werden. Zweitens, sie hat den Anspruch, universell gültig zu sein – also quasi die beste oder sogar einzig wahre Lösung. Deshalb sei Fußball keine Religion (sie erfüllt das erste, aber nicht das zweite Kriterium), der Kapitalismus schon. So gesehen ist eine Religion nichts weiter als ein Schirm, unter dem Menschen zusammenkommen können, die dieselben Ansichten haben. Welche das sind, ist eigentlich irrelevant – sie tun es jedenfalls und sie tun es beharrlich. Sie handeln nach ihren Werten und Vorstellungen, möchten andere auch davon überzeugen und die Welt nach ihrer Gesinnung gestalten (das klingt dramatischer als es ist; das könnte ja auch eine Welt der Nächstenliebe sein). Eine Religion ist im Grunde eine institutionalisierte Ideologie, die viele Menschen teilen. Und hier kommen wir zu einem entscheidenden Punkt: natürlich ist die Umweltbewegung ideologisch getrieben. Das ist ja gerade der Witz. Nachhaltigkeit ist selbst als Wissenschaft streng normativ – will also nicht nur die Welt beschreiben, sondern hat ein Ziel vor Augen, wie die Welt sein sollte. Damit einher gehen Werte (z.B. Gleichheit und Gerechtigkeit), Prinzipien (z.B. Umweltverträglichkeit oder Genügsamkeit) und Maßnahmenpakete (z.B. Recycling oder Effizienzsteigerungen). Das sind Vorstellungen, die auch die Anhänger der Nachhaltigkeits- und Umweltbewegung im Großen und Ganzen unterschreiben würden. Das erste Kriterium ist damit also erfüllt. Die Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen – die SDGs – sind eine ausformulierte Version dieser Vorstellungen. Sie Ziele sollen für die ganze Welt gelten, haben also den notwendigen allgemeinen Gültigkeitsanspruch. Natürlich hat die Weltgemeinschaft sie auch gemeinsam entwickelt, aber es ist ja nicht so, als gäbe es keine anderen Sichtweisen – so wie es auch immer andere Religionen gibt. Gemäß Harari hätten wir mit Nachhaltigkeit also eine Religion vorliegen.
Und jetzt?
Ich bin im vergangenen Jahr aus der katholischen Kirche ausgetreten, weil ich meinte, nichts mit Religion zu tun zu haben und auch nicht mehr haben zu wollen. Möglicherweise lag ich da etwas falsch.
Ich weiß, dass ich keinen Gott in meinem Leben brauche. Die Vorstellung, dass es einen Gott gibt, widerspricht meiner Sicht der Welt und es hätte für mich keinen Mehrwert, diese Vorstellung dennoch aufrecht zu erhalten. Ich brauche kein Miteinander, wie es mir eine Glaubensgemeinschaft geben könnte und die katholische Kirche als Institution hat für mich persönlich auch keinen Nutzen. Viele sehen das bestimmt anders als ich, und das ist auch in Ordnung. Ich persönlich brauche das Christentum (oder Ähnliches) jedenfalls nicht, um ein gutes Leben führen zu können.
Was ich aber durchaus in meinem Leben haben möchte, ist ein Leitbild. Eine Reihe von Werten und Idealen, denen ich folgen kann und hinter denen ich stehe. Manch Eine*r mag solche Werte in den großen Weltreligionen finden – es ist ja nicht so, als hätten die nicht auch einige sinnvolle Ansätze. Für Andere funktionieren Naturreligionen oder Bewegungen, die sich gar nicht selbst als Religion betrachten (es streng genommen aber schon irgendwie sind). Go for it. Für mich kann die Nachhaltigkeit das bieten. Ihre Werte – so zu leben, dass es für alle Menschen und die Natur das bestmögliche Ergebnis erzielt – und die Grundlage dessen – Natur- und Sozialwissenschaften – sind für mich nicht nur vertretbar, sondern richtig. Fast schon wahrhaftig. Der Gültigkeitsanspruch kommt für mich also schon hin. Wenn man Nachhaltigkeit (oder die Ökobewegung, oder den Klimaschutz) deshalb als Religion bezeichnen möchte, na gut. Das ist am Ende des Tages auch nur eine Wortspielerei. Aber wenn es hilft, diese abwertend gemeinte Bezeichnung im positiven Sinne für sich selbst nutzen zu können, kann ich damit gut leben. Das enthebt die Umweltbewegung natürlich nicht von der Pflicht, ihre eigenen Ideale immer wieder einem Realitätscheck zu unterziehen. Aber es ist schließlich eine ihrer größten Stärken, dafür alle Werkzeuge an der Hand zu haben – und damit auch umgehen zu können.
